Pflege
Roboter als künstliche Helfer im Senioren-Alltag und in der Pflege
Philipp Haaser · 10.11.2022

Roboter „Pepper“ unterstützt Wilma Keulertz beim Kochen mit Rezepten. Foto: Diakonie Michaelshoven
Der neueste Mitbewohner in der Wohngruppe der Diakonie Michaelshoven sorgt manchmal für Verwirrung. Er heißt Pepper und ist ein 1,20 Meter großer Roboter, der mit Kopf, Torso und gestikulierenden Händen menschenähnlich aussehen soll – und oft ziemlich hilflos wirkt, weil er schnell überfordert ist.
Pepper wohnt in einem Projekt für gemeinschaftliches Wohnen für Senioren in Sülz, in dem in vier Wohngemeinschaften jeweils sechs Personen ihr Zuhause haben. Sie leben selbstständig, Küchen und Wohnbereiche nutzen sie gemeinsam. Je nach Bedarf werden sie von ambulanten Pflegekräften im Alltag unterstützt. Und seit einigen Wochen nun auch von einem Roboter.
Wie können Roboter helfen?
Das Team um Professorin Anja Richert und Caterina Neef von der Technischen Hochschule Köln hat Pepper, der für verschiedene Einsätze angepasst werden kann, programmiert. Die Frage „Wie können Roboter pflegebedürftigen Menschen helfen?“ steht im Mittelpunkt ihres von der Bundesregierung geförderten Projektes „GeneRobot“, das sie in Kooperation mit der Diakonie durchführen.
Bis Ende 2024 wollen sie erste Antworten finden. „Für uns ist zunächst interessant: Wie finden die Bewohner es, dass Pepper bei ihnen wohnt? Wie nutzen sie ihn?“, sagt Neef. Pflegenotstand, Datenschutz, Technisierung: Der Einsatz von Robotern in der Pflege wird kontrovers diskutiert. Der Deutsche Ethikrat, Politiker und Berufsverbände befassen sich mit möglichen Gefahren.
Roboter finden viele ein bisschen unheimlich. Foto: Diakonie Düsseldorf / David Ertl
Eine Umfrage aus dem Jahr 2018 zeigt, dass Pflegekräfte den Einsatz von Technik kritisch sehen, wenn es um „soziale oder emotionale Unterstützung“ geht. Über 80 Prozent der 355 Befragten fürchteten, das könne zum „Verlust menschlicher Wärme“ führen. „Die Fragen, die mit dem Einsatz von Technik verbunden sind, berühren den Kern unserer Vorstellungen von guter Pflege“, heißt es in der ausführlichen Stellungnahme „Robotik für gute Pflege“ des Deutschen Ethikrats.
Die Autoren mahnen: „Technische Systeme dürfen das Interaktionsgeschehen in der Pflege nicht ersetzen; sie sollen es ergänzen.“ Gleichzeitig erkennen sie große Potenziale. Der Mangel an Pflegepersonal bei gleichzeitig steigendem Bedarf der alternden Gesellschaft sei eine große Herausforderung. Technik könne dazu beitragen, die „Gefahren einer direkten Abhängigkeit von anderen zu reduzieren“.
Forschung in der Altersmedizin
Starke Roboterarme, animierende Kuschelrobben und intelligente Sprachassistenten: Mit dem Begriff Geriatronik hat sich bereits ein Name für das Forschungsfeld gefunden, in dem sich altersmedizinische und technische Perspektiven treffen. So wird das kuschelige Robbenbaby „Paro“ bereits in der Altenpflege eingesetzt. Der Roboter reagiert auf Berührungen, kann behaglich brummen, den Kopf in die Richtung drehen, aus der er angespro- chen wird, und soll vor allem Menschen mit Demenz helfen, Stress abzubauen und den Aufbau von Beziehungen nicht zu verlernen.
Roboter-Robbe „Paro“ wird vor allen Dingen für Menschen mit Demenz eingesetzt.Foto: picture-alliance dpa / Uli Deck
„Paro ersetzt keine menschliche Zuwendung, sondern ist ein Medium unter vielen zur Unterstützung der Kommunikation. Diese findet bei Menschen mit Demenz zu großen Teilen über Berührungen und Körperkontakt statt“, schreibt der Pflegewissenschaftler Heiner Friesacher. Wie und für wen ihr Einsatz sinnvoll sei, müssten weitere Tests ergeben.
In Sülz geht man diese Fragen zunächst ganz pragmatisch an. „Putzelich“, urteilt die 64-jährige Margarete Steinfeld über Peppers Erscheinung. Er dreht seinen Kopf und damit seine großen schwarzen Augen. Über eine Kamera nimmt er Gesichter wahr, erkennt Sprache und versucht auf Befehle zu reagieren. „Manchen kam er am Anfang unheimlich vor“, berichtet Wilma Keulertz, 92, „ein toter Gegenstand, der mit einem reden will. Aber das verschwindet schnell.“
Das liegt auch daran, dass Pepper den Mythos vom eigenmächtigen, intelligenten Roboter schnell entzaubert. Denn bislang sind Peppers Fähigkeiten begrenzt. Mit komplexen Aufgaben ist er überfordert, eigenständig Situationen erkennen und entsprechend interagieren kann er nicht. Er lernt nur durch neue Programmierungen durch das „GeneRobot“-Team. Und die Seniorinnen sind die Entwicklungshelferinnen.
„Pepper“ zu Besuch in der Senioren-Wohngemeinschaft Foto: Diakonie Michaelshoven
„Wir können mitmachen“, so die Mitbewohnerin Frau Janssen. Was er schon kann: Kochrezepte vorlesen, Turn- und Sprechübungen anleiten, Quizfragen stellen, zum Mitsingen animieren und Witze erzählen. Auf einem kleinen Bildschirm vor seiner Brust zeigt er Informationen wie die Wettervorhersage an.
Pflegekräfte sollen entlastet werden
Roboter werden fähig sein, immer mehr Aufgaben zu übernehmen. Der Fachkräftemangel macht ihren Einsatz wahrscheinlicher. Die Technische Universität (TU) München arbeitet unter anderem an einem feinfühligen Roboter, der es älteren Menschen ermöglichen soll, länger selbstständig in der eigenen Wohnung zu leben.
Der „autonome Service-Hu- manoide GARMI“ könne in Sekundenbruchteilen auf Berührungen reagieren und somit intuitiv und sicher bedient werden. Er soll im Haushalt helfen, kann Blutdruck messen, Wasser einschenken und wie Pepper Videoanrufe starten. Anders als dieser kann GARMI aber tatsächlich mit seinen Roboterarmen assistieren. Mit einer Ultraschallsonde und einem EKG soll er einem Arzt sogar die rasche Ferndiagnose bei seinen Patienten ermöglichen. Pflegekräfte soll GARMI bei zeitraubenden Tätigkeiten entlasten.
Auch Heike Marth, die das Team der ambulanten Pflegekräfte in Sülz leitet, sieht in dem Projekt eine Chance. „Das ist ja keine Kiste, die die Menschen automatisch in die Dusche schiebt“, sagt sie. Peppers Fähigkeiten beruhten eben nicht nur auf theoretischen Überlegungen, da die Pflegebedürftigen in die Entwicklung und die Diskussion darüber einbezogen würden.
Ergänzung, kein Ersatz
„Ergänzend“, sagt Frau Janssen zur Rolle, die sie sich für Pepper wünscht. Sie musste nach einem Schlaganfall das Sprechen neu lernen. Es kostet sie sichtlich Kraft und Zeit, die Wörter zu formen. Ihre Vorstellung von guter Pflege indes formuliert sie glasklar: Sie soll ihr ermöglichen, „selbstbestimmt und frei zu leben“. So kann sie sich gut vorstellen, ihre Sprachübungen künftig mit Pepper zu machen, ergänzend zur Logopädin.
Marth betont: Was für die einen mehr Selbstständigkeit bedeutet, kann für andere ein Verlust von Zuwendung sein. Menschliche Berührungen und persönliche Gespräche sind für die Pflegebedürftigen zentral und unersetzlich. „Wir haben jetzt die Chance, auszuloten, wie das mithilfe von Robotern gehen könnte“, sagt sie. Frau Janssen formuliert es so: „Du musst genau wissen, was du von Pepper willst.“ Diese Frage gilt es auch als Gesellschaft zu beantworten.
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Tags: Altersforschung , Pflege der Zukunft , Wissenschaft
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